„ChristO - die Rockoper“ –
ein Klassiker im Wandel der Zeit
Wie bereits im Generalprobenbericht beschrieben, die Geschichte lehnt an Motiven des Weltliteraturromans „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas. Edmond Dantes ist die Hauptfigur des Stückes. Er wird von Andy Kuntz, Leadsänger von Deutschlands erfolgreichsten Progressive Metal Band „Vanden Plas“ verkörpert. (Infos zu Vanden Plas und seiner Stilrichtung, progressive Metal sind ausführlich im Bericht über die Generalprobe zu lesen.)
Dantes ist zu Anfang der Rockoper ein Seemann, der über ein nicht geringes Vermögen verfügt. Sein Leben scheint perfekt, denn auch gesellschaftlich stellt er etwas dar. Am Tag seiner Hochzeit mit Mercedes (Agnes Hilpert), der Liebe seines Lebens, wird er wegen angeblicher Verwicklung in Drogengeschäfte festgenommen. Fernand Mondego (Holger Hauer, Regisseur ChristO), späterer Ehemann von Mercedes und ein angeblicher Freund Dantes - Danglars (Thomas Peters) stecken hinter dieser Intrige. Unter Mithilfe des Fieslings und Staatsanwalts Villefort (Mischa Mang) geht der Pakt scheinbar auf. Der eingesperrte Dantes ist keine Gefahr mehr und so kann sich das Trio ungestört an seinem Vermögen, seiner Frau und seinem gesellschaftlichen Einfluss bedienen.
Nach 21 Jahren Einkerkerung in dem alten Schiffswrack der Pharao gelingt Dantes seine Befreiung. Abbé Faria (Dirk Lohr) entdeckt und rettet ihn. Er kann Dantes Vertrauen gewinnen und wird fortan sein Berater. Er ist es auch, der ihn später dazu veranlasst seinen Hass und seine Rachegefühle niederzulegen um ein neues Leben zu beginnen, denn die Jahre seiner Gefangenschaft haben Dantes Herz kaltherzig gemacht. Dieser beschließt Rache an denen zu nehmen, die sein Leben zerstört haben. Dabei bemerkt er nicht, wie sich seine anfängliche Wut langsam aber sicher in blanken Hass wandelt. Durch seinen kontinuierlichen Konsum an Rauschmitteln merkt er nicht, wie er immer mehr zu einer multiplen Persönlichkeit mutiert. Sein „Alter Ego“, Inspector X (Chris Murray), wird im Laufe der Geschichte immer beeinflussender und so wundert es nicht, dass Dantes letztlich die Kontrolle über sich selbst verliert. Aber es scheint noch nicht zu spät zu sein... Dantes kehrt als gebrochener Held zurück. Ungezügelt, rücksichtslos und ohne Beachtung von Normen und Gesetzen beginnt Edmond seiner Rache freien Lauf zu lassen. Folglich ist Mercedes Ehemann Fernand Mondego das erste Opfer auf seiner Liste. Der vermeintliche Sohn der Beiden, Albert (Sven Fliege) beschließt daraufhin mit seiner Freundin Valentine Villefort (Milica Jovanovic), Tochter des Staatsanwalts, den Mörder seines Vaters zu stellen. Dass Edmond Dantes seine Widersacher Danglars und Villefort in dem Stück nicht ungestraft davon kommen lässt versteht sich von selbst, aber sie sind nicht die einzigen Opfer.... Am Ende, jedoch zu spät, bemerkt Edmond selbst, dass sich seine Wut in blanke Zerstörung und grenzenlosen Hass verfahren hat. Er erkennt, dass die Schuld ebenfalls in seinem Drogenkonsum liegt....
Es gibt kein Happy End. Nein! Aber dafür gibt es eine Story, die originell und wahrhaftig beeindruckend im Staatstheater am Gärtnerplatz München seine Uraufführung fand. Im Grunde genommen ist die Story zeitlos. Modernisiert wird der Inhalt nur in Details, geschickt verflochten mit Problematiken und gesellschaftlichen Konflikten, wie es sie seit jeher bis heute noch gibt. Andy Kuntz und seiner Band Vanden Plas ist es zu verdanken, dass der Welt ein solches Werk nicht vorenthalten wird.
Die Presse war in seinen Rezensionen auffällig gespalten am Tag der Premiere. Haben die Lokalmatadoren sehr kritisch bis negativ, ja fast schon beleidigend geurteilt, so konnte man feststellen, je weiter man die bayerische Landeshauptstadt München verlies, umso positiver fielen die Kritiken aus. Vielleicht liegt es daran, dass mit ChristO, einer Rockoper im Metalstyle, ein völlig neues Gebiet in einem „alteingesessenen Theater“ betreten wurde. Die Kritiken zeugen eher davon, dass sich hier vorwiegend klassische Musicalgänger oder gediegene Gärtnerplatztheaterkritiker mit dem Stück- wenn überhaupt- auseinander gesetzt haben. In einem haben die meisten Publizisten jedoch recht: längst nicht erwartet den Zuhörer ein auf hohe Dezibel getrimmtes Metalkonzert. Jede Wagneroper oder jedes sonstige orchesterstarke Bühnenstück bzw. Klassikkonzert ist wesentlich lauter als ChristO. Das Publikum gratulierte reihum an diesem Abend mit stehenden Ovationen begeistert applaudierend den Machern der Produktion. Selbstredend, es bedarf großem Mut und einem starken Rückrat, eine solche Produktion in diesem Theater aufzuführen. Ob man sich nun daran stoßen kann, dass eine Art „Rotlichtszene“ integriert ist, mag dahin gestellt sein. Das ist eine Sache des Geschmackes, durchaus, aber ist sie gleich so derart störend, das man es gleich als „Swingerclub“ oder „Drogenparty“ betiteln muss...? Seltsam nur, dass gerade diese Szene den lautesten Applaus erhält und dies, wenn man sich umsieht, nicht nur von jungem Publikum. Ein gewagtes Spiel, durchaus, aber wie sagt man so schön „No risk no fun“. Deshalb: Bühne frei für die Protagonisten einer „neuen Musical- Zeit“.
Gehen wir auf die Sänger und Schauspieler ein. Hier glänzen vorab natürlich die Hauptdarsteller Andy Kuntz, Edmond Dantes bzw. ChristO und der etablierte Musicaldarsteller Chris Murray, Inspektor X – sein „Alter Ego“, durchgehend. Konstant in Topleistung präsentieren sie ihre Charaktere auf der Bühne. Stimmlich sowie schauspielerisch überzeugen sie so gut, dass man auch aufgrund der frappierenden optischen Ähnlichkeit wahrhaft Probleme bekommt, zu erfassen wer nun gerade auf der Bühne agiert. Sie vereinen sich tatsächlich zu einer Person, auch wenn das für den Zuschauer vielleicht irritierend sein könnte, aber das ist von den Machern von ChristO ja auch beabsichtigt. Klar, gerade dann, wenn sich die Szene umgehend überschneidet und sich die zwei Figuren in die Quere kommen, ist nicht immer sofort erkennbar, welche Persönlichkeit nun am Schalten und Walten ist. Trotzdem sind beide Rollen hervorragend besetzt, denn allein die unterschiedlichen Stimmfarben der Beiden unterstreichen die Gespaltenheit der Figur hervorragend. Gerade im Duett „Silently“ kommt dies exzellent zur Geltung. Wenn dann zu späteren Zeitpunkt der Staatsanwalt und Zahlmeister mit in den Song einsteigen, bekommt das Quartett einen bombastischen Eindruck.
Überhaupt, wer sich ein wenig auskennt, kann feststellen, dass die Sänger reihum wirklich komplexe, gesangliche Partituren zu bewältigen haben. Zahlreiche Tempoíwechsel in den Songs unterstreichen die hohe Qualität der Musik. Von wegen hier wird nur herum gegrölt oder ähnlich. Hervorzuheben ist die Szene, bei der Chris Murray an Halluzinationen leidet. Sie erinnert an eine Szene im Musical „Jesus Christ Superstar“, in der die drei hohen Priester, in diesem Falle Mondego, Danglars und Villeford, auf Judas einreden. Unterstrichen wird der Eindruck dadurch, dass in dem Song immer wieder der Name „Judas“ auffallend oft gesungen wird. Auch eine Textpassage aus "Gethsemane" wo es heißt "nail me to your cross ..., bleed him, beat him...." erinnert etwas an die Tragik, die in diesem Moment auf der Bühne herrscht. Murrays packende schauspielerische Qualität ist gerade in dieser Szene unglaublich beeindruckend und hinterläßt tosenden Applaus! An die Musik der Scorpions erinnert der Song „Somewhere alone in the dark“. Kuntz singt stimmgewaltig „somewhere alone in the dark the ghosts of dumas acting alone in the night his legend of taking lives....“ wirklich stimmgewaltig. Nicht aber, dass sich der Progressive Metaler nur lautstarksingend artikulieren kann. Gerade in „January sun“ wenn er „come little angel an sit by my side, I need someone to talk to, ’cause I can’t see the light…” mit einer sanften Stimme fast haucht, hört und spürt man die emotionalen Nuancen, die seine Stimme einwandfrei beherrscht. Schade, dass die Technik dem Publikum nicht mehr Tuning zumutet, so könnte man allgemein sicherlich Einiges mehr an Textverständlichkeit herausholen.
Kommen wir zu den weiblichen Stimmen, die sich anzahltechnisch in dem Stück leider nur auf zwei Charaktere reduzieren. Umso mehr glänzen Agnes Hilpert als Mercedes und Milica Jovanovic als Valentine Villefort. Zu Ersterer ist zu sagen, ihr nimmt man es schauspielerisch ab, dass sie über den Tod ihres Mannes Fernand nicht sonderlich trauert. Sie hatte schließlich nur EINE große und wahre Liebe im Leben, Edmond Dantes. Ihre Stimme passt zur Rolle der Mercedes. Ihr gelingt es der Figur, die nicht wirklich eine tragende Rolle im Stück spielt, Charakter einhauchen. Milica Jovanovic als Valentine Villefort, Tochter des fiesen Staatsanwaltes, muss sich kostümtechnisch damit abfinden, dass sie sofort ans Musical „We will rock you“ erinnert. Recht „leicht“ wirkt sie in ihrem kurzen, roten, enganliegendem Lederrockkostüm mit Netzstrumpfhosen. Zum Glück lenkt nicht nur ihr schönes Gesicht davon ab. Sie strahlt Wärme und Liebreiz aus und Ihre klare und weiche Stimme überrascht dabei sehr positiv. Es gelingt ihr, sie wunderbar zum Einsatz zu bringen. So zaubert sie als mit ihrem Bühnenfreund Sven Fliege, Albert Mondego, die formvollendete Ballade, „Isn’t it a wonder...!“ in die Herzen der Zuhörer. Reine Musicalfans dürften spätestens an dieser Stelle wieder glücklich und versöhnt sein. Überhaupt harmonieren die Stimmen Jovanovic und Fliege einwandfrei. So ist es ein Leichtes, dass auch das Zusammenspiel des Bühnenpaares überzeugt. Es ist doch immer wieder schön festzustellen, dass eher rockige Stimmen, wie die von Sven Fliege, auch in Balladen hervorragend zur Geltung kommen. Fliege, zuletzt im Musicalrenner „Tanz der Vampire“ in Berlin als Gesangssolist und Nightmare zu sehen und hören, überzeugte 2006 und 2007 schon in „Jesus Christ Superstar“ Augsburg als rebellischer Simon Zealotes stimmlich und schauspielerisch. Fliege ist ein interessanter Newcomer, von dem man sicherlich noch zahlreiche lobende Kritiken lesen wird.
Schade, dass die weiteren Hauptrollen wie die des fiesen Staatsanwalts Villefort (Mischa Mang), Zahlmeisters Danglars (Thomas Peters) sowie der Charakter Faria (Dirk Lohr) nicht so recht glänzen wollen. Woran das liegen mag? Liegt es an der mangelnden Anzahl der gesanglichen Einsätze oder einfach nur daran, dass deren Parts nicht so recht Gelegenheit zur Entfaltung bieten? Gerade bei Thomas Peters hört man wesentlich mehr Stimmpotenzial heraus. Das, was man von ihm sieht und hört ist durchweg positiv zu werten und überzeugt. Man ist vielleicht etwas enttäuscht, denn nach seiner guten Jesus Interpretation bei „Jesus Christ Superstar“, ebenfalls in Augsburg, hatte man ihn vielleicht in einer gesangsstärkeren Rolle erwartet. Bei Mischa Mang erkennt man schnell, er hat das Talent zum Komödiantischen. Wenn er auch nicht so ganz den Fiesling rüberbringen kann wie seine Erstbesetzung Philippe Ducloux, er hat ebenfalls Stimmgewalt und sorgt so für ein amüsiertes Schmunzeln bei den Zuschauern. Er kann im Gegenzug zu Ducloux, der mehr athletisch und hart rüberkommt, das Verachtende, widerlich-Abstossende zeigen. Dirk Lohr in der Rolle Abbé Faria hat eigentlich keine wirklich großen Möglichkeiten stimmlich auf zu trumpfen. Jedoch kann er schauspielerisch dafür Einiges wett machen. Er verleiht dem Charakter einen väterlichen Touch und ist die eigentliche „Rechtssprechung“ in dem Stück. Man könnte ihn als den „Vermittler“ zwischen den verhärteten Fronten sehen, die sich mit Hass, Verachtung und Gewalt „bespucken“.
Eine durchaus empfehlenswerte und lohnenswerte Inszenierung ist ChristO in jedem Fall. Gut, manchmal wird der ein oder andere Zuschauer unter Umständen leichte Probleme haben der Handlung zu folgen. Nicht immer gehen Szenen und Geschehnisse auf der Bühne eindeutig empor. So geht eine Schlüsselszene beinahe unter, als Dantes, alias ChristO seine geliebte Mercedes von der Brüstung stößt, weil er sich gerade von seinem „Alter Ego“ befreien möchte. So ist es schwer nachvollziehbar, weshalb er im nächsten Moment so stark trauert, als er seine Mercedes auf den Armen, im sterben liegend, auf die Bühne trägt. Gut, aber muss man immer alles verstehen? Wer sich näer mit dem Inhalt befasst, wird diese Handlung nachvollziehen können. Sicher ist jedoch, man muss das Buch nicht kennen um der Handlung folgen zu können.
Kurzum: ChristO ist schaurig-schön und doch auch ein buntes und lebendiges Bühnenspektakel. ChristO regt zum Denken an, denn Themen wie Hass, Rache und Vergeltung sowie multiple Anwandlungen sind uns selbst doch wesentlich bekannter, als man vielleicht zu Anfang noch denken mag....
Wer also offen für Neues ist, ein neues Zeitalter von Musical und Rockoper mit grandiosen Darstellern und großartigen Kompositionen erleben möchte, der muss sich diese Welturaufführung in München ansehen. Denn eines ist sicher „Lost in silence“ wird hier niemand den Saal verlassen. Und wer nicht der Ansicht ist kann es ja mal mit einer „Postcard to god“ versuchen!
Erstellt: Marina Christiana Bunk, April 08








